Vom Duft des Lebens – Warum der Geist Gottes duftet

04.06.2020

Der zweite Clip entstand in der Woche nach Pfingsten. Duft und Pfingsten gehört einfach zusammen! Es gibt tatsächlich einen schon in der Bibel begründeten Zusammenhang zwischen Geist und Duft. Drei Quellen haben mich dabei inspiriert: Der jüdische Philosoph Friedrich Weinreb weist auf den Zusammenhang der Wort Duft und Geist in der hebräischen Bibel hin. Der Philosoph Byung-Chul Han schrieb ein schönes aber sprachlich recht anspruchsvolles Buch unter dem Titel „Der Duft der Zeit“. Daraus habe ich ein paar sprachlich wunderbare und inhaltlich überraschende Gedanken herausdestilliert. Er wiederum bezieht sich auf die große Trilogie von Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Er bringt dabei ein paar wirkliche Perlen zum Vorschein, die in sinnlich-duftender Sprache zum Heiligen Geist führen. Also, keine trockene und abstrakte Theologie, sondern eher der Duft der Poesie. Vielleicht beginnt ja beim Hören, die Welt um euch zu duften.

Der Frühling ist auf seiner Höhe. Die Grünkraft wirkt gewaltig. Farbenrausch und Blütenfülle grüßen uns mit ihrer Pracht. Düfte umhüllen uns in den unterschiedlichsten Nuancen. Rosen laden ein, zum Nähertreten, um uns zu beschenken mit Duftrausch.

Frühling trifft auf Pfingsten. Zu Ostern wurde uns mit dem Frühlingsbeginn die Auferstehung ins Lebens verkündet. Das Leben im Aufbruch. Zu Pfingsten begeistern wir uns an seiner machtvollen Entfaltung.

Ich möchte näher betrachten, was der Duft mit dem Geist zu tun hat. Der jüdische Philosoph Friedrich Weinreb weist auf den Zusammenhang der Worte für Geist und Duft in der hebräischen Bibel hin. In der Ruach als Wort für Geist liegt auch die Bedeutung für Geruch und Duft. Geist und Duft können den Raum auf besondere Weise füllen. Beide verduften aber auch sehr leicht.

Für mich ist das ist eine wunderbare Vorstellung: Der Geist, den du nicht sehen kannst ist wie ein Duft, ein Hauch, der die Atmosphäre eines Raums, einer Zeit verändert.

Oft erleben wir die Zeit so, dass sie keinen Duft mehr verströmt. Oder sie riecht abgestanden, steril oder synthetisch falsch. Die Beschleunigung unseres Lebens bringt die Dufträume zum Verschwinden. Sie vergisst jene atmosphärischen Räume, in denen sich die Zeit weiten und entfalten kann: bei einem zweckfreien Verweilen im Garten, bei einem Schlendern durch Hecken, an Zäunen entlang. Beim stillen Sitzen bei einer Tasse
Jasmintee. Auch ein guter Kaffee kann duften. Ein Wein entfaltet sein Bouquet. Die Beschleunigung und der gefühlte Druck unserer inneren und äußeren Antreiber rufen in uns eine nervöse Unruhe hervor, die uns daran hindert, in den Dufträumen des Lebens zu verweilen, in denen unser
Geist zur Ruhe kommt und sich verbinden kann mit dem Geist des Lebens, der uns Gaben die bringt, die wir nicht selbst machen und durch unser Tun bewirken können.

Bei dem Philosophen Byung-Chul Han fand ich ein Buch mit dem Titel, „Der Duft der Zeit“. Er beschreibt die Beschleunigung unseres Lebens als
eine nervöse Unruhe in der wir die Welt als hektisch, unübersichtlich und richtungslos erleben. „Aufgrund ihrer Zerstreuung entfaltet die Zeit keine ordnende Kraft mehr. So entstehen keine prägenden oder entscheidenden Einschnitte im Leben.“ Die Welt wird nicht mehr als beseelt erfahren. Die Dufträume verschwinden, trocknen aus. Es kommt zu einer Wucherung von Informationen und Ereignissen, die richtungslos schwirren. Die Zeit verströmt keinen Duft mehr. Es fehlt ihr an Geist. Die Tage werden geistlos.

Interessanterweise entfaltet sich der betörende Duft der Zeit am realen Duft. Der duftende Garten wird zum Portal für den Eintritt in einen Raum tieferer Wahrnehmung. Offenbar ist der Geruchssinn ein Organ der Erinnerung und Wiedererweckung. Düfte und Gerüche reichen offenbar sehr tief in die Vergangenheit hinein, streifen weite Zeiträume. So bilden sie das Gerüst für die frühesten Erinnerungen. Aus einem einzigen Duft aufersteht ein verloren geglaubtes Universum der Kindheit.

Wenn ich mir meine bereits in meiner Jugendzeit verstorbene Mutter vor meinem geistigen Auge nicht mehr vorstellen kann, dann erinnere ich mich an ihren Duft, ihren Geruch. Der ist noch präsent und öffnet Erinnerungsräume. Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt: „Geschmack und Geruch überleben das Ableben der Personen und den Untergang der Dinge. Sie sind Inseln der Dauer im reißenden Fluss der Zeit.“

»Aber wenn von einer früheren Vergangenheit nichts existiert nach dem Ableben der Personen, dem Untergang der Dinge, so werden allein, zerbrechlicher aber lebendiger, immateriell und doch haltbar, beständig und treu Geruch und Geschmack noch lange wie irrende Seelen ihr Leben weiterführen, sich erinnern, warten, hoffen […].« (Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd.2, S. 66.)

Gerade der Duft eines Menschen ist etwas sehr Subtiles. Er spiegelt etwas von unserer Verfassung wieder. Kranke riechen anders als Gesunde. Die mir vertrauten Menschen kann ich gut riechen. Manchmal kann man bei einem Menschen erschnuppern, von was für einem Geist er gerade
umweht ist. Wenn du ganz da bist und in dir ruhst, duftet es schon, ist dein Geist frei, kann aufsteigen. Unruhe und Außer-Sich-Sein, macht den Magen nervös und bringt schlechten Geruch hervor. Wenn ich froh aus dem Garten oder von einer Wanderung komme, sagt meine Frau, dann duftet meine Haut Sonne und Wind.

Bei Hildegard von Bingen fand ich in einem Gebet einen schönen Gedanken über den Geist Gottes: “Du hauchst in die Herzen den Wohlgeruch deiner Kräfte“. Han verweist auf ein interessantes Experiment mit Stimulierungen von Gehirngewebe während Kopfoperationen. Dabei werden Erinnerungen erweckt, die von besonderen Düften und Gerüchen durchtränkt sind. Die Wahrnehmung der Düfte und Gerüche verbindet sie zu einer Einheit. Ja, sie bilden das Gerüst der frühen Erfahrungen. Der Duft ist gleichsam geschichtsträchtig. Er ist mit Geschichten, mit Bildern
erfüllt. Der Geruchssinn verbindet, verwebt, verdichtet die Ereignisse unseres Lebens zu einem Bild. Beglückend ist diese Rückkehr-zu-sich selbst, zu scheinbar entschwundenen Räumen meines Erlebens. Wo es duftet, sammelt sich Leben in seiner Essenz Han verweist auch darauf: Der Duft ist träge. Düfte kann man nicht so schnell aufeinanderfolgen lassen wie optische Bilder. Im Gegensatz zu diesen lassen sie sich nicht beschleunigen. Eine von Düften beherrschte Gesellschaft würde wahrscheinlich auch keine Neigung zur Veränderung und Beschleunigung entwickeln. Sie würde sich von der Erinnerung und dem Gedächtnis nähren, von dem Langsamen und dem Langen. Die Epoche der Hast ist eine Epoche ohne Duft. Der Duft der Zeit ist eine Erscheinung der Dauer. So entzieht er sich der »Aktion, dem »unmittelbaren Genuß«. Er ist indirekt, umweghaft und vermittelt.

Für Marcel Proust, auf den sich Han bezieht, steht der Duft für das Verbindende. Er schafft eine Atmosphäre, in der ein dicht gewebtes Netz zusammenhängender Begebenheiten ins Bewusstsein bringt. Er verknüpft das Netz der Erinnerungen und lässt Verbindungswege zwischen den Ereignissen aufscheinen.

Jesus hat uns mit dem Abendmahl einen solchen verdichteten Erinnerungsraum hinterlassen, in dem alles gleichzeitig werden und still stehen kann.
Sein Geist verknüpft Ereignisse zu einem sinnstiftenden Geschehen. Er verbindet Menschen und öffnet ihnen die Sinne für die heilsamen Zusammenhänge des Lebens.

Geschichten der Evangelien können uns zu solchen Dufträumen werden. Ich denke an die Jünger, die nach Emmaus unterwegs sind und der Auferstandene ihre frustrierenden Erinnerungen zu duften bringt. Die scheinbar zusammenhanglosen Ereignisse verbinden sich zum „Bauplan des Geistes“ für diese Welt. Im Brechen des duftendes Brotes und im Teilen des würzigen Weines wird das Feuer des Geistes spürbar: „Brannte nicht unser Herz!“ rufen die Jünger aus. Eine wahrhaft duftende Geschichte!

Die „Dufträume“ lassen uns tiefer ins Sein hineinblicken. Sie lassen uns erkennen, schreibt Han, dass alle Dinge miteinander verwoben sind, dass jedes geringste Ding mit einer Weltganzheit kommuniziert. Die Epoche der Hast ist eine Epoche ohne Duft. Sie hat keine Zeit, die Wahrnehmung zu vertiefen. Allein in der Tiefe des Seins tut sich ein Raum auf, wo alle Dinge sich anschmiegen und miteinander kommunizieren. Gerade diese Freundlichkeit des Seins lässt die Welt duften.

Marcel Proust spricht in seiner großen Romantrilogie „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von »klangvollen, duftenden, durchscheinenden Stunden«. Beginnt die Zeit zu duften, ist nichts mehr zufällig. Eine Verbundenheit scheint auf, ein Bewusstsein für den Zusammenhang des Lebens entsteht. Wir sind angerührt von jener „flugbereiten Güte“, von der Rilke spricht, die alles erfüllt und über allem wacht. Der Geist, den Jesus uns mit dem Pfingsttag sendet, bringt uns den Duft des Lebens, der den Gestank des Todes vertreibt. Wir selbst können, vom Geist bewegt und erfüllt, zu einem „Wohlgeruch Christi“ (2. Kor. 2) werden. Wir werden zum Duftraum des Geistes. Alles duftet nach Blüte und Frucht, nach Leben und
Schönheit und nach der kindlichen Freude, die der Geist Jesu in uns weckt.

Ich wünsche uns duftende Zeiten, geisterfüllte Stunden und Offenheit für das Wehen des Geistes, der alles beleben, erneuern und wandeln kann.

Stefan Wohlfarth
Pfingsten 2020

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