Bleibet und wachet! Was uns der Jünger, den Jesus liebte erzählen kann

27.03.2021

Bleibet und wachet! Was uns der Jünger, den Jesus liebte erzählen kann

Auf dem Weg zum Kreuz begegnen uns die Jünger Jesu in ihrer Unfähigkeit, bei Jesus zu bleiben. Jesus spricht zu ihnen im Garten Gethsemane vor seiner Gefangennahme: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; Und dann bittet er sie: bleibet und wachet! (Markus 14:34) Sie schlafen immer wieder ein und als Jesus gefangen genommen wird, laufen sie weg. Die Unfähigkeit zum Bleiben verhindert Fruchtbarkeit. Eine Henne, die nicht auf dem Ei sitzen bleibt, wird kein Ei ausbrüten. Es braucht immer einen Einsatz, eine Geduld, eine Treue, ein Bleiben, um etwas zu gewinnen. Es braucht ein Maß an Hingabe. Die Kunst zu bleiben, bei sich selbst und bei anderen: Darum geht es in der Beziehung zu den Menschen und zu Gott.

Jeder Mensch sehnt sich nach Beständigkeit, nach Bleibendem. Menschen sind voller Unrast. Menschen weichen aus in die Zerstreuung, statt zur Sammlung zu kommen. Die Gedanken müssen ständig spazieren und können nicht dabei bleiben. Menschen können ihren Platz nicht einnehmen, weil sie ständig fortlaufen und Ausschau halten nach Abwechslung oder nach der noch besseren Möglichkeit.

Für Jesus ist das Bleiben ist eine zentrales Wort im Johannesevangelium.
Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch.
Bleibt in meiner Liebe! (Joh. 15:4)

Fast alle Worte vom Bleiben sind im Johannesevangelium überliefert. Überhaupt steht der Evangelist im Unterschied zu den anderen drei Evangelisten in einer besonderen Bewegung im Geschehen um die Passion Jesu.
Der Jünger, den wir hier in der Tradition der alten Kirche mit Johannes identifizieren, ist nach dem Evangelium der Einzige, der neben den beiden Marias unter dem Kreuz steht. Er ist ein Bleibender, wo die anderen weglaufen.
Und er ist ein Sehender: Er erkennt und spürt Dinge, von denen die anderen Jünger nicht berührt sind.

Johannes ist vor dem sonst so aktiven Petrus am Ostermorgen am Grab, lässt dann aber Petrus den Vortritt.
Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.  (Joh 20,8)
Er erkennt – im Gegensatz zu Petrus – am See vom Boot aus den Auferstandenen am Ufer, der einen wunderbaren Fischfang gewirkt hat (Joh 21,7).
Petrus wird zur Nachfolge aufgefordert, aber Johannes folgt dem Auferstandenen ohne Aufforderung von sich aus nach. (Joh 21,20)

Das Johannesevangelium, dass sich auf diesen Jünger bezieht, kommt zu einer besonders ausgeprägten Sicht auf den Kreuzweg Jesus.
Bei ihm liegen Kreuz und Auferstehung ganz zusammen, sind Teil einer Bewegung.
Er spricht vom Leidensweg, dem Abstieg in die Tiefe des Leids als Erhöhung. Das ist schon herausfordernd. Immer schwingt Ostern bereits mit. Immer begegnet uns diese Tiefenschau, in der die Dinge noch eine Rückseite haben, die sich noch zeigen wird.
Johannes scheint am Weg Jesu mehr auf eine innere Weise beteiligt, die ihn anderes und tiefer sehen lässt als die anderen Jünger. Wohl auch deshalb wird er in der Tradition mit dem fünfmal im Evangelium erwähnten Jünger gleichgesetzt, den Jesu lieb hat. Jesus sieht hinter dieser stillen Art ein Erkennen, dass eine besondere Bindung zwischen ihnen schafft. Und dieses Erkennen wächst aus der Bereitschaft, ein Bleibender zu sein.
Vom Jünger, den Jesus liebt, wird auch erzählt, wie er am Herzen Jesu ruht (Joh 13,23).
Darin spiegelt sich ein Wort über Jesus, der als der Sohn am Herzen des Vaters ruht. (Joh.1,18)
Von diesem mystischen Bild schlage ich eine Brücke zu einer Erfahrung, die Menschen mit der Praxis des Herzensgebetes verbinden. Bei diesem kontemplativen Gebet wird die Vorstellung, am Herzen Jesu zu ruhen zum tragenden Bild, ja zu einer inneren Ausrichtung.
Im Haus der Stille üben wir regelmäßig diese Gebetsform in unseren Kursen ein und bewegen uns damit im Bild des Jüngers, den Jesus liebte. Die größte Herausforderung auf diesem einfachen Gebetsweg mit dem Namen Jesus Christus ist das Bleiben.

Anders als Petrus, der immer ein Mensch der Aktion und oft ein Getriebener der vorschnellen Tat ist, bleibt Johannes geradezu blass im Hintergrund. Wir müssen schon genauer hinschauen und ins Evangelium hineinspüren, um diesem Bleibenden und Sehenden Jünger in seiner Bedeutung zu erkennen.

Viele Ausleger betrachten das Johannesevangelium mehr als eine meditative Schau und weniger als einen historischen Tatsachenbericht.
Johannes hat sozusagen die Drei-D Brille auf, während die anderen sich mehr vom Eindimensionalen leiten lassen.
Johannes und die Tradition, die ihm folgt, steht also für ein Bleiben, dass seine Kraft aus einer besonderen Berührbarkeit und Achtsamkeit schöpft.

Im Bild des Weinstocks stellt Jesus das Bleiben ins Zentrum der Nachfolge.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. (Joh 15,5f)
An Christus bleiben, am Weinstock wachsen, bedeutet: eine Bleibe zu haben in aller Ungeborgenheit dieser Welt, einen Ort an dem mein Leben reifen kann. Wir wünschen uns, Menschen zu sein, die wissen, wo sie zu Hause sind, wo sie ihre Bleibe haben.
Das Bleiben in Christus stiftet Identität. Wer weiß, wo sein inneren Zuhause ist und darin ruht, der kann ganz da sein, kann empfänglich sein für das, was kommt, was mich besucht, anrührt….
An ihm bleibend und in ihm verwurzelt kann ich reich verzweigt zum Himmel wachsen und meine ganz eigene Form und Gestalt gewinnen.
Wenn wir an ihm bleiben, an ihm wachsen, kann etwas von der Liebe in unser Leben fließen, die wir selbst nicht haben. Dann wächst in uns das Vermögen, auch für andere ein Bleibender zu sein. Einer, der da bleibt, standhält, durchhält, durchträgt und dran bleibt.

Eine Betrachtung, ja ein Gebet von Christa-Maria Schröter, Künstlerin und Ordensschwester der Christusbruderschaft soll diesen Impuls beschließen:

Ich will mich mit allen Fasern meines Seins
Deinem Licht aussetzen,
Dunkelheit bei Dir, Christus, ablegen.
Ich erfahre mich neu unter den Strahlen Deines Wortes
Du, ewiger Lichtquell, strömende Liebe.
Du offenbarst das Geheimnis des Wachstums.
Die Fruchtbarkeit des Weinstocks wird zum Zeichen
und berührt meine Angst vor der Sinnlosigkeit.
Du sammelst mich aus der Zerstreuung
und aus dem Getriebe des „Allen-Recht-Seins".
Du feierst das Fest der Vergebung
mit meinen Verlorenheiten.
In Deiner Umarmung werden sie bewusst.
Hartgefrorenes Misstrauen taust Du auf,
lässt Vertrauen einwurzeln - immer wieder
empfängst Du mich nach Tagen der Sprachlosigkeit,
nach Nächten des Todes.
Du rufst alles in mir zur Auferstehung, zum Leben.
Wie oft hast Du mein zielloses Dahingleiten gebündelt
und mich gefunden.
Du hast meine Leblosigkeiten erwärmt an Deinem Herzen.
Du Liebender, Du einfache Klarheit über verworrenen Zeiten.
Reinigend und erneuernd kommst Du mir entgegen.
Das Blühen der Liebe lässt Du anbrechen wie den Morgen.
Durch Dich, Jesus Christus,
wird mein Leben reifende Frucht.                    

Stefan Wohlfarth

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