Wann wird der Mensch zum Pilger? Was es bedeutet als Pilger oder Pilgerin unterwegs zu sein.

09.07.2021

Ich kann einen Weg einfach erwandern. Vielleicht lohnt es aber darüber nachzudenken, was es bedeuten würde, wäre ich als Pilger unterwegs.

Viele Menschen sind als Wanderer auf dem Weg und werden doch unbewusst Pilger.

Ob ich als Pilger unterwegs bin, hängt nicht davon ab, ob ich auf einem historischen Pilgerweg laufe oder gar auf dem Jakobsweg, auch nicht davon, ob ich einem heiligen Ziel entgegenlaufe.
Pilgern ist eine Art des Unterwegsseins, in der ich einen Haltungswechsel vollziehe. Ich öffne mich für das, was der Weg mir bringt, auch für mögliche Transformationen. Ich komme, wie von selbst, in einen anderen Modus. Im Alltag bin ich oft ein Getriebener. Auf dem Weg kann ich zu einem Geführten werden, der sich dem Weg anvertraut.

Der Pilger - der „peregrinus“ (latein) ist der in die Fremde Ziehende, der in Distanz zu seinem Alltag mit seinem Mustern und Gewohnheiten geht. Manchmal müssen wir uns fremd gehen, um uns neu zu entdecken
und zu begreifen. Der Pilger hat zwar ein geografisches Ziel vor Augen, doch treibt ihn die Sehnsucht nach dem, was den Raum übersteigt und die Zeit überdauert. Das geografische Ziel ist Symbol für tiefere Wirklichkeiten, nach deren Spuren er Ausschau hält.

Der Pilger ist auf dem Weg ein Gast bei vielen Menschen. Manchmal dämmert es ihm, dass er auch ein Gast am Tisch Gottes ist, der ihm jeden Tag aufs neue etwas auftischt, mal mehr und mal weniger bekömmlich. Auf dem Weg fügen sich die Dinge, die im Alltag oft so verworren erscheinen und er erlebt: es wird für ihn gesorgt. 

Er ist auf den Schutz des Himmels und das Wohlwollen der Menschen angewiesen, denen er begegnet. Manchmal begegnet er Engeln und dann wird er vielleicht selbst für einen Anderen auf dem Weg zum Himmelsboten. 

Er übt sich ein in Haltungen, die ihn leicht und offen werden lassen.
Er kann empfänglich werden für Überraschungen am Weg. Er kann zu einem Gefäß werden, das Momente der Unendlichkeit und der Gnade auffängt und im Herzen als Schatz bewahrt.

Weg-Pfeil

Der Pilgerweg ist Gebet.


Das Gehen bedeutet 

Läuterung,
Heilung
und Dank.


Byung-Chul Han (Philosoph)
Nudeltopf
Von der Schnecke lernen: Hast abstreifen, Geduld einüben, bei sich selbst zu Hause sein.
Von der Schnecke lernen:
Hast abstreifen,
Geduld einüben,
bei sich selbst zu Hause sein.
Rucksack

Worum geht es auf dem Weg des Pilgers?


  • Einfach werden und Klarheit erleben

  • Still werden und Stimmigkeit erfahren

  • Loslassen und gelassen werden

  • Offen werden und Berührung erspüren

  • Das Wagnis eingehen und Vertrauen lernen

  • Weite erfahren und weit werden

  • Alleinsein einüben und wahre Begegnung erleben

  • Bei mir ankommen und Gott begegnen 

Pilger-Grafitti an einer Mauer am Camino de la Costa in Nordspanien
Pilger-Grafitti an einer Mauer am Camino de la Costa in Nordspanien


Einfachheit und Genuss


Die Mönche eines Klosters auf dem Camino de la Costa in Nordspanien kochten diese sehr einfache Suppe, nur mit Nudeln, Erbsen und etwas Brühe, für die sieben Pilger, die diese Speise nach einer 30 Kilometer-Etappe einfach nur köstlich empfanden. 

Der Rest wurde nach einem genierlichen Zögern auch noch weggeputzt.

 
Muschel, Pixabay 116993
Muschel, Pixabay 116993

Die Pilgermuschel ruft

Um die Muschel, als Pilgerzeichen auf Wegweisern oder am Rucksack getragen, ranken sich viele Geschichten und man findet viele Erklärungen. Ich füge noch einen Gedanken hinzu: Wenn du dein Ohr an die Muschel legst, hörst du vielleicht ein fernes Rauschen, wie von einer leichten Meeresbrise. Dieses Rauschen will die Sehnsucht in dir wecken. Es möchte dich zum Aufbruch reizen und daran erinnern, dass es noch ein Ziel jenseits deiner vorhersehbaren Alltäglichkeiten gibt.

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